Der Dokumentarfilm “Das Spiegelritual” von Claus Deimel zeigt in neun Kapiteln Geschichte und Gegenwart der Kultur der Rarámuri in der Sierra Tarahumara im Nordwesten Mexikos
Ein Drogenkrieg und eine langanhaltende Trockenheit bestimmen derzeit das Leben in Nordmexiko, Bundestaat Chihuahua. Scheinbar abseits hiervon feiern die Rarámuri der Sierra Tarahumara ihr Matachine-Ritual, in dem der Spiegel eine besondere Rolle spielt. Ihrer Vorstellung nach ist das Leben ein Spiegel der Welt der Ahnen im Himmel: Die Lebenden bilden das Leben der Ahnen in einem Ritual ab, das jedes Jahr im Dezember und Januar als Überlebensritus dargestellt wird. Sie tun dies seit der Kolonialzeit, nunmehr mit christlichen Einflüssen. Diese Menschen gehören statistisch zu den Ärmsten der Armen, lebt teilweise in Höhlenwohnungen, ernähren sich mit Methoden der Steinzeit und treten zugleich in Kontakt mit der Welt der Telenovelas und Beziehungskonflikte unserer Zeit. Der Film zeigt 9 Stationen im Alltag verschiedener Rarámuri und von ihrer Art zu feiern. Der Mythos der Urzeit wird in der Modernisierung aufgebrochen, ein Pickup fährt durch ein Gedicht von Antonin Artaud, durch das "Gebirge der Zeichen", Schulen und Krankenhäuser entstehen und die Landschaft wird mit Kabeln zum Transport von Elektrizität durchzogen, in deren Folge die Welt des mexikanischen Fernsehens die Lehmhütten in Tarahumaraland erreicht. Mitten in diesem Geschehen findet die Velación (Totenwache) für die Seele eines vor einem Jahr verstorbenen Mestizen statt. Ein Heiler bringt die Seele des Toten im indianischen Ritus in den Himmel und dessen Kinder sprechen dazu das klassische Ave Maria. Im anschließenden Maisbierfest kehren sich die Vorzeichen um, im Spiegel der Ahnen speisen die Lebenden mit dem Gott, der ein fleißiger Maisbiertrinker ist. Die Poesie der Feier erreicht ihren Höhepunkt im allgemeinen Maisbierrausch des gesamten Ortes, und die Welt dreht sich wie ein Tänzer einmal um sich selbst, vertauscht die Vorzeichen und findet wieder in ihre Realität zurück, in der "das Fremde" nicht mehr existiert.
Claus Deimel arbeitet seit vielen Jahren in der Sierra Tarahumara. Er war Direktor der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen und lebt heute als freier Autor in Hamburg. Er führt in den Film ein.