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Filme aus der Sierra Tarahumara, Mexiko Von Claus Deimel

05.08.2022 19:00 - nicht mehr buchbar -

Der Film zeigt Ausschnitte aus der Corona-Situation im Mai dieses Jahrs im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua. Der Autor fährt im Bus, umgebenen von mehr oder weniger maskentragenden Menschen in die hohe Sierra Tarahumara. Hier schwindet das Problem, die Menschen tragen kaum noch Masken, angeblich gibt es hier auch kaum Corona. Doch es stellen sich andere Probleme: Eine seit elf Monaten andauernde extreme Dürre und die Präsenz von unmaskierten Vertretern nordmexikanischer Drogenkartelle, die die Dörfer dominieren. In einer indigenen Gemeinde, die der Autor seit vielen Jahren besucht, tobt eine Regionalwahl, zu der sich die Parteien mit großzügigen Volksspeisungen und Geschenken präsentieren. Hier trägt nur noch der Kandidat eine Corona-Maske, während die Indigenen auf ihre Geschenke warten und die Konkurrenz der Parteien für sich ausnutzen. Auf einem Dorffest werden Unmengen von Bier konsumiert und die von Frauen dominierten Dorfläden machen große Geschäfte. Mitten in der Dürre entstehen in der rund 2300 Meter hoch gelegenen Gemeinde mehrere riesige Treibhäuser, ein Projekt der derzeitigen Regierung Mexikos unter Lopéz Obrador. Hier werden Bäume zur späteren Aufforstungen sowie Gemüse gezogen und die Arbeiterinnen und Arbeiter werden sogar für ihre Arbeit monatlich mit einem Festlohn bezahlt. Das ökologisch fortschrittliche Projekt droht jedoch zu scheitern, weil die derzeit herrschende Partei (Morena) von konkurrierenden Parteien scharf angegriffen wird. Im politischen Hin und Her scheinen die Indigenen aber ihre eigenen Positionen zu suchen. Sie konzentrieren sich auf ihre traditionellen Riten und veranstalten, mitten ihm Müll des vergangenen Festes, eine Regenzeremonie. Ein alter Mann namens Jose Maria stiftet hierfür sein letztes Rind als Opfergabe und Speisung für alle Teilnehmenden. Im Kontext der alten Riten beteiligen sich nun immer mehr Menschen an diesem Ritual. Und drei Tage später fängt es an zu regnen, ungelogen, und die örtliche Oligarchin muss feststellen, dass der alte Mann wohl doch recht hatte. Am Ende schicken Rarámuri selbst Fotos und einen kurzen Film, wie es im Jahr der Dürre und Corona in der Sierra weitergeht.

Der Autor ist Ethnologe und forscht seit vier Jahrzehnten in der Sierra Tarahumara. Es liegen mehrere Bücher und mehrere Filme von ihm vor.

El Antifaz
„Tschüss die Seele“ – Die Verabschiedung Dokumentarfilm, Nordwestmexiko, Sierra Tarahumara 36 Min.
Claus Deimel 2018
Die Tarahumara gehören zu den geschundesten Völkern Mexikos und des indigenen Lateinamerikas. Kaum eine andere Gruppe sogenannter Indianer überlebt derart friedlich und zugleich widerständisch und ausgestattet mit so wenigen materiellen Mitteln wie die Tarahumara im nordwestmexikanischen Bundesstaat Chihuahua – die sich selbst Rarámuri, d.h. „die Fußläufer“, nennen; sie gehören zu den großen Langstreckenläufern der Welt.
Sie leben eine Form der Resistenz, indem sie bewährte Verhaltensweisen und soziale Umgangsformen trotz „Zivilisationsdruck“ nicht aufgeben. Sie praktizieren aggressionslosen Widerstand gegen modernistische Formen der Veränderung ihrer sozialen Riten und Verhaltensweisen. Der Film zeigt den Fluss dieses bemerkenswerten Alltags und Festtags im pointierten Narrativ, und wie dieses Alltagsnarrativ sich steigert zu einem von allem abgehobenen Fest, das die Seele eines verstorbenen Menschen rituell in den Himmel schickt und ihr zum Abschied „Adiosi ba“: „tschüss die Seele“ nachruft.
Mit der Archaik einer schweigsamen Erzählung vom Leben dieser Menschen in abgelegenen Bergregionen der Sierra Madre Occidental hat der Film umzugehen und es gerade nicht im Symbolischen zu belassen!
Die DarstellerInnen, die Dokumentierten entwickeln vor der Kamera unabgesprochene Präsenz, sie wehren sich mit scheinbar reduzierten Gesten und Sätzen. Ihre eigenartige Stille spricht in großen Bildern ihrer Umgebung, der Sierra im Norden Mexikos. Hauptfigur ist Simón Morales, der Bauer und Maskenschnitzer, der an einem Janusgesicht arbeitet, das er in zahlreichen Varianten immer wieder aufruft und dadurch das Eigene und das vermeintlich Andere in Beziehung zu setzen versucht. Offensichtlich ein nie endender Prozess.
Morales tut das aber nicht als verwestlichter Laberer, Schwätzer und Ideologe, sondern als intensiv stiller Künstler – das ist die Hauptbotschaft dieses Films an – und es gelingt ihm, Gesichter zu formen, deren dargestelltes Lachen eine Verbindlichkeit vom Verständnis zwischen den zwei Gesichtern des Fremden und des Unfremden als soziale Beziehung lebendig macht. Dabei bleibt er verbindend, grenzt nicht aus und gewinnt an Souveränität. So formt er sein Antifaz, sein Gegengesicht!
Sein Lachen ist nicht überheblich, siegesgewiss oder sarkastisch – es entfaltet bei aller Kritik, die in seinen Äußerungen durchscheint, eine freundliche Sicht auf das Einfache, Kleine und Große. Dieser Film schildert das Leben des Künstlers und armen Bauern Simón Morales, seinen Tod und das Fest, das ihm seine Gesellschaft anschließend in einer Zeremonie zum Abschied im Januar 2018 gab. Der Filmarbeit in der Sierra Tarahumara liegen Gespräche mit Simón Morales über mehrere Jahre hinweg zugrunde, auch ethnologisch-philosophische Überlegungen, die schon in anderen Publikationen des Autors vorgelegt wurden.
Dokumentarfilm Claus Deimel 2018
Ort der Narration: Sierra Tarahumara, Chihuahua, México

Preise

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